Tierwohllabel

Die Situation in der Schweine-Branche ist momentan allgegenwärtig. Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie im Jahr 2020 gab es immer wieder überwiegend negative Nachrichten aus dieser Branche. Dies waren vor allem Ausbrüche von Corona-Infektionen in den Schlachtbetrieben und die Überfüllung der Ställe durch Verzögerungen in der Produktionskette. Zusätzlich hatte das Ausbleiben von Festen und die Schließungen von Kantinen dementsprechend auch zur Folge, dass die Nachfrage stark eingebrochen war und der Tierbestand weniger Abnehmer fand und hoch blieb - Tierwohl? Durch diese dramatischen Entwicklungen gab es einen deutlichen Preissturz bei den Schlachtschweinen, der momentan immer noch anhält.
Jedoch ist dies nicht das einzige Thema, welches die Schweine-Branche momentan belastet.

Tierwohl und Nachhaltigkeit

Tierwohl und Nachhaltigkeit nehmen eine immer größere Bedeutung in der Landwirtschaft ein. Dabei geht es allerdings nicht, wie man es vermuten mag, um die Qualität des Fleisches, sondern vielmehr um die gesamte Lebensqualität des Tieres nämlich das Tierwohl. Mit der Lebensqualität ist in diesem Zusammenhang die Haltung, der Transport und die Schlachtung gemeint. Um die Lebensqualität für den Konsumenten von tierischen Produkten sichtbar zu machen, gibt es unter anderem die Form des Tierwohllabels, welches als eine Art Tierwohlkennzeichen dienen soll. Das Label soll dem Verbraucher die Möglichkeit geben, beim Kauf von Produkten gezielt Produkte auszuwählen, die das Tierwohl berücksichtigen und somit gewisse Standards in der Tierhaltung berücksichtigen. Gerade bei uns in Deutschland ist das Tierwohlkennzeichen ein Thema, welches nicht nur Landwirte und Verbraucher beschäftigt, sondern gleichermaßen auch die Politik. Dabei ist die Idee eines Tierwohllabels längst kein Vorschlag mehr, den es nur in Deutschland gibt. Auch in den deutschen Nachbarländern, wie Dänemark oder den Niederlanden gibt es bereits aktiv genutzte Tierwohllabel, die sogar teilweise staatlich gefördert sind.

Tierwohl

Tierwohl vs. Tiergerechtigkeit

Um zu erklären, was ein Tierwohllabel ist, muss man zunächst den Begriff des Tierwohls definieren. Tierwohl beschreibt prinzipiell erst einmal die Gesundheit und das Wohlbefinden eines Tieres. Genau gesagt, beschreibt es die körperliche Gesundheit, das Ausleben des Normalverhaltens und auch das emotionale Wohlbefinden eines Tieres. Im Vordergrund stehen hier vor allem die landwirtschaftlichen Nutztiere und die Tierhaltung in der Landwirtschaft. Das Wohlbefinden eines Tieres hängt zu einem großen Teil von der tiergerechten Haltung ab, sprich, ob die Haltung für das Tier zumutbar ist. Durch diesen engen Zusammenhang werden die Begriffe Tierwohl und Tiergerechtigkeit oft durcheinander geworfen. Genaugenommen sind diese beiden Begriffe aber keine Synonyme füreinander, da es einem Tier auch trotz artgerechter Haltung schlecht gehen kann. Einen entscheidenden Einfluss auf die Auslegung, was nun wirklich tiergerechte Haltung ist, hat in diesem Fall die Wissenschaft. Durch Forschung versucht diese die Aspekte des Tierschutzes, der Tiergesundheit und der Haltungstechnik (Tierhaltung) ständig zu verbessern. Bei einem Tierwohllabel werden deshalb unterschiedliche Stufen gebildet, die unterschiedliche Kriterien enthalten, um dem Verbraucher eine klare Aussage über das Wohlbefinden des Tieres zu geben.

Tierwohllabel in Deutschland

Auch in Deutschland gibt es seit geraumer Zeit Bemühungen, verschiedene Tierwohllabel zu etablieren. Diese Bemühungen erfolgen sowohl vonseiten des Staates als auch von privaten Initiativen. Den ersten Schritt hin zu einem freiwilligen staatlichen Tierwohllabel hatte 2018 der ehemalige Landwirtschaftsminister Christian Schmidt unternommen, indem er zu dem Thema entsprechende Fachgespräche mit allen Interessengruppen geführt hat. Mit der Übernahme des Ministeriums durch Julia Klöckner im Jahr 2018 nahm das ganze Projekt noch mehr Gestalt an und es folgte Anfang 2019 eine erste öffentliche Vorstellung der Kriterien für die drei Stufen des staatlichen Tierwohllabels. Das staatliche Label soll sich laut Angaben der Ministerin zunächst auf die Haltung von Schweinen beziehen, wobei noch weitere Nutztiere folgen sollen.

Staatliches Label (Schweinehaltung)

Im September 2019 wurde dann schnell die nächste Hürde genommen, indem der Bundestag den Gesetzentwurf zur Einführung und Verwendung eines Tierwohlkennzeichens beschlossen hat. Jedoch ist seit diesem Beschluss im Bundestag nicht mehr viel passiert, da vonseiten der SPD Kritik an der Freiwilligkeit und Forderungen für ein verpflichtendes Label erhoben wurde. Ein weiterer großer Kritikpunkt, welcher vonseiten der Tierschutzinitiativen aufgeworfen wurde, ist, dass die Stufe 1 nur minimal über den gesetzlichen Mindestanforderungen steht und so Landwirte durch minimalen Aufwand suggerieren könnten, das Tierwohl verbessert zu haben. So wäre ein Label in diesem Fall eher eine Marketingmaßnahme als eine Verbesserung des Tierwohls bzw. der Tierhaltung. So bleibt das Thema weiter interessant und beschäftigt gerade nicht nur den Wahlkampf der einzelnen Parteien, sondern wird auch ein spannendes Thema für die neue Regierung werden.

Gesetzliche Anforderungen (Schweinehaltung)-1

In Deutschland gibt es jedoch nicht nur das staatliche Tierwohllabel, sondern auch diverse private Initiativen, die auch ein Label mit unterschiedlichen Kriterien erstellt haben. Diese Label werden über die Initiative „Haltungsform“ in vier Stufen eingeordnet, wobei die Stufe 1 die gesetzlichen Standards abdeckt. Hier sind die Stufen jedoch nicht nur auf die Haltung von Schweinen gerichtet, sondern es gibt auch Kriterien für die Hähnchenhaltung oder die Putenmast.

Für Mehr Tierschutz

So gibt es unter anderem das Label „Für Mehr Tierschutz“, welches vom deutschen Tierschutzbund 2013 ins Leben gerufen wurde. Dieses Label ist, anders als die meisten Label, selbst nochmal in zwei Stufen unterteilt. Die Einstiegsstufe (Stufe 1) verpflichtet die Landwirte zu mehr Platz im Stall der Tiere, mehr Beschäftigung und Klimazonen und so auch zu mehr Tierwohl. Die Premiumstufe (Stufe 2) verpflichtet die Landwirte dazu, den Tieren einen Auslauf ins Freie zu ermöglichen, ihnen teilweise doppelt so viel Platz wie vorgeschrieben zu verschaffen und die Möglichkeit, dass Tiere zwischen Innen- und Außenbereich wählen können. Das Ziel des deutschen Tierschutzbundes ist es nicht nur ein Label zu gestalten, welches den Konsumenten ein gutes Gefühl geben soll, sondern in erster Linie für mehr Tierschutz und ein besseres Tierwohl einzutreten.

Initiative Tierwohl

Ein weiteres Label in Deutschland ist das Label der Initiative Tierwohl, dieses wird herausgegeben von der Gesellschaft zur Förderung des Tierwohls in der Nutztierhaltung mbH. Dieses Label ist durch einen Zusammenschluss von Verbänden und Unternehmen der Land- und Fleischwirtschaft sowie des Lebensmittelhandels im Jahr 2015 entstanden. Der Fokus bei diesem Label liegt vor allem darauf, die Haltungsbedingungen einer möglichst großen Anzahl von Schweinen, Hähnchen und Puten zu verbessern. Die Initiative ist ein Zusammenschluss des deutschen Lebensmitteleinzelhandels, welcher pro verkauftem Kilo Fleisch 6,25 Cent in einen Fond einzahlt. Aus diesem Fond werden dann die Landwirte für den Mehraufwand, der durch die verbesserte Haltungsweise der Tiere entsteht, mit einem Anteil subventioniert. Die Initiative Tierwohl ist zurzeit die größte Plattform, die sich für mehr Tierwohl in Deutschland einsetzt. Mittlerweile betreibt die Gesellschaft zur Förderung des Tierwohls in der Nutztierhaltung längst nicht mehr nur das Label Initiative Tierwohl, sondern auch das Label Haltungsform. Hier gibt es vier unterschiedliche Stufen, in die sie ihr eigenes Label Initiative Tierwohl und andere Label einordnen (wie zum Beispiel auch die Label des deutschen Tierschutzbundes). So versuchen die teilnehmenden Unternehmen des Lebensmittelhandels die Artikel mit dem einheitlichen Label Haltungsform zu vereinfachen, um die Wahl des Produktes für den Konsumenten übersichtlicher zu gestalten. Die Stufe 1 entspricht hier den gesetzlichen Mindestanforderungen and die Tierhaltung. Die Stufe 4 entspricht jedoch nicht nur sämtlichen deutschen Biostandards, sondern auch den EU-Biostandards. Teilnehmende Lebensmittelhändler sind unter anderem Rewe, Lidl, Kaufland sowie Edeka.

Tierwohlprogramme

Bei einer wachsenden Anzahl an neuen Labeln, wird es allerdings für den Konsumenten immer unübersichtlicher im Handel, da die Artikel, die gekauft werden, von oben bis unten mit Labeln versehen sind. Es besteht so die Gefahr, dass wir in einen „Label-Dschungel“ geraten und man das eigentliche Ziel, nämlich den Konsumenten bei seiner Einkaufswahl zu unterstützen, aus den Augen verliert und es für den Konsumenten unübersichtlicher wird, welcher Kategorie das Fleisch denn nun angehört.

Vorbild Niederlande und Dänemark?

Wie man an den beiden deutschen Nachbarländern Dänemark und den Niederlanden sieht, ist ein nationales Tierwohllabel längst keine neue Idee mehr. In beiden Ländern gibt es bereits jeweils eigene Tierwohllabel, an denen sich Deutschland orientieren könnte. In den Niederlanden gibt es seit 2007 das freiwillige Tierwohllabel „Beter Leven“ (Besser Leben), welches von der dort ansässigen Initiative Dierenbescherming (Gesellschaft für Tierschutz) ins Leben gerufen wurde. Das Label hat, genau wie es das staatliche deutsche Label plant, drei Stufen mit unterschiedlichen Kriterien für die Landwirtschaft. Zum Stand 2020 hat dieses Tierwohllabel mehr als 2000 Landwirte als Teilnehmer und in einigen Supermärkten liegt der Anteil der Fleischprodukte mit einer „Beter Leven“ Kennzeichnung bei weit über 90 %. In Dänemark wurde im Jahr 2017 das Label „Bedre Dyrevelfærd“ (Besserer Tierschutz) eingeführt. Dieses Tierwohllabel wurde anders als in den Niederlanden nicht nur von privaten Initiativen, sondern auch durch den dort ansässigen Lebensmittel-Einzelhandel und mit der Unterstützung des dänischen Staates entwickelt. Bei diesem Label gibt es wie bei dem niederländischen und dem staatlichen aus Deutschland auch wieder drei Stufen. Das Label findet großen Anklang bei den Verbrauchern, so vertrauen etwa 75 % der Dänen auf ein solches Label. Das Besondere an diesem Label ist, dass es bei allen drei Stufen der Schweinehaltung eine Freilandhaltung voraussetzt und die Schweine dementsprechend nicht nur in Stall gehalten werden.

Gerade an dem Beispiel „Beter Leven“ aus den Niederlanden wird deutlich, dass es nicht immer unbedingt der staatlichen Bemühungen bedarf, um ein erfolgreiches Label ins Leben zu rufen. Wenn jedoch der Staat auch ein Label entwerfen möchte, wäre es möglicherweise zielführender sich mit einer privaten Initiative zusammenzuschließen und so nach dem dänischen Vorbild zu handeln.

Schweinehaltung

Fazit

Ob es schlussendlich ein staatliches Tierwohllabel in Deutschland geben wird, lässt sich erst nach der Bundestagswahl im September sagen. Entscheidend hierfür ist der Wahlausgang und somit die Zusammensetzung der neuen Regierung.
Während das staatliche Label weiter auf sich warten lässt, setzten sich die Label der privaten Initiativen immer weiter durch und es bleibt deshalb abzuwarten, welchen zusätzlichen Nutzen ein staatliches Label überhaupt mit sich bringen würde. Wichtig ist hier auch noch einmal zu erwähnen, dass sich ein staatliches Label zunächst nur auf die Haltung von Schweinen beziehen würde, wohingegen das Label Haltungsform auch schon Kriterien für die Haltung von Hähnchen und der Putenmast definiert hat.

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